Kredermerk
„Das Maurafubi wäre nicht das, was es ist, ohne einen wie Kredermerk und Kredermerk wäre nicht der, der er ist, ohne etwas wie das Maurafubi. Es ist sicher nicht so, dass der Eine nicht ohne das Andere hätte existieren können, allein, es ist immer so, dass das Eine ohne den Anderen nie vorgekommen ist.“
Es hätte auch ohne weiteres Sinn ergeben, hätte Kredermerk nichts mit dem Maurafubi zu tun gehabt. Aber dafür gab es keinen Grund. Ebenso wäre es nicht befremdlich gewesen, hätte das Maurafubi nicht in derselben Zeit existiert, in der auch Kredermerk existiert hat. Es hätte also alles ganz anders sein können aber auch dafür gab es keinen Grund. Für einen wie Kredermerk also Anlass genug, sich einmal mehr zu wundern.
Überhaupt war sich wundern ein angenehmer Ersatz für Leiden, die sich infolge der Entwicklung eigener Ideen oder Konzepte eingestellt hätten, obwohl erwiesenermaßen gerade diese als Hauptbestandteil eines gesunden Nährbodens für das Treffen eigener Entschlüsse hätten dienen können.
So wäre etwa der Entschluss, in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt eine aktivere Rolle einzunehmen nicht gänzlich ohne Folgen für ihn geblieben. Allerdings war die Verwunderung selbst sein alleiniger Beitrag in dieser Disziplin und die Tatsache, dass er nur sehr selten durch das spontane Auftreten durch ihn selbst erzeugter Gedanken in seiner Selbstgenügsamkeit gestört wurde, kürte ihn zum idealen Beobachter und sei es, dem Ideal per se die Ehre zu geben.
Nur selten kam der Verdacht auf, seine Handlungsweise sei auf eine besonders ausgeprägte Auffassungsgabe zurückzuführen, aber er war auch nicht besonders blöde. Jene sporadisch auftretende Begriffsstutzigkeit, die seine ansonsten unauffällige Erscheinung manchmal durchbrach, war eher das Ergebnis von nicht zeitnah erfolgten Verknüpfungen aufgetretener Ereignisse mit im Maurafubi installierten und anerkannten Verhaltensweisen als eine Reaktion auf dieselben. Auch waren Einfühlvermögen, emotionale Teilnahme und soziale Kompetenz, aber auch Missgunst, Neid und Aggression Eigenschaften, die er an den anderen Einwohnern des Maurafubi wohl erkennen konnte, selbst jedoch nicht besaß.
Das alleine störte ihn nicht weiter, aber die hässliche Klarheit, dass er über etwas was er nicht besaß auch nicht verfügen konnte traf ihn, wenn er gelegentlich darüber nachdachte, mit derselben Schwere, die weiland Moses niedergeworfen haben musste, als er in wütendem Eifer die sauer erworbenen Gesetzestafeln zerbrach. Gemildert wurde sein Zorn allerdings durch den Umstand, dass es für ihn als Beobachter in seiner Welt keinerlei Ziele gab, bei deren Verfolgung ihm diese Tatsache ernsthafte Hindernisse in den Weg hätte stellen können.
Insgesamt verlief sein Leben nach sehr einfachen, pragmatischen Axiomen. Hatte er Hunger aß er, dürstete es ihn, so trank er, wenn er den Drang nach Bewegung verspürte, so ging er umher und wenn er scheißen musste, dann schiss er. Es war auch nicht so, dass er keinen Kontakt zu anderen Bewohnern des Maurafubi gehabt hätte. Es war sogar so, dass eine der Rechtfertigungen seiner Existenz, ja sogar ein Nutzen, den er aus ihr ziehen könnte, ein Bericht über seine Beobachtungen hätte sein können. Wer außer ihm wäre befähigter dazu gewesen, wo ihn doch das Fehlen einer eigenen Meinung als besonders geeignet für das Erstellen von Berichten erscheinen ließ?
Dazu ist zu sagen, dass es durchaus gelegentlich Kommunikation mit anderen Bewohnern des Maurafubi gegeben zu haben schien. Zwar gab es mehr Hinweise darauf als Spuren, die sie hinterlassen hätte und es gab auch kaum Möglichkeit, den Erfolg einer solchen Kommunikation zu messen, da Kredermerk kein wesentliches Bestandteil des Ordnungssystems des Maurafubi war und somit auch nicht über das rhetorische Instrument der Rückkopplung verfügte. Seine Funktion als Beobachter aber war es zu berichten und als Gegenstand dieses Berichts hatten die anderen im Umkehrschluss die Aufgabe zuzuhören. Damit übertrug sich auf sie aber auch die Verantwortung für das Gehörte und gab ihnen zuweilen sogar das vage aber dennoch – oder gerade darum – angenehme Gefühl, an etwas Wesentlichem teilgenommen zu haben.
Einige verwendeten Kredermerkens Berichte als Baustein für das Bilden einer eigenen Meinung und merkten dabei gar nicht, dass sie damit in Wirklichkeit wenn schon nicht zur Degeneration derselben beitrugen, so doch eine Weiterentwicklung eben dieser erheblich behinderten. Im Gegenteil: sie hielten diese Rückentwicklung für eine ihr ansonsten eher gewöhnliches Dasein ergänzende Kunst, aus trivialen Begebenheiten einen höheren Sinn zu destillieren, taten damit einen weiteren Schritt in Richtung Perfektion und wenn schon nicht Perfektion, dann wenigstens Entwicklung in irgendeinem Sinne, der nicht vollständig beliebig zu sein schien.
Aber diese Art Sinngebung focht Kredermerk nicht an. Zwar hatte er längst erkannt, dass der Drang allem einen Sinn zu geben die treibende Kraft hinter eben diesem Allen war, die Sublimierung eines in gewissem Sinne nicht ganz beliebigen Ziels, sozusagen. Allerdings war er unempfindlich gegen derlei Angriffe auf sein Selbstverständnis sowie auf sein Verständnis von der Wirkungsweise des Maurafubi, da ihm zum fehlenden System einer Ordnung zusätzlich noch das System der zugehörigen Werte zu derselben fehlte.
Werte aber, das hatte er irgendwann einmal begriffen, die wurden verteidigt wenn man schon mal welche hatte und damit kam er zu der nur vor seinem persönlichen Hintergrund verständlichen aber gewissermaßen doch notwendigen Einsicht, dass in seinem Falle als treibende Kraft der Sinngebung die gesunde Urteilskraft zu einzusetzen sei.
Inwieweit ihm dabei klar war, dass er hier einen ersten Schritt tat, überhaupt einen Schritt tat, dieser Schritt auf einen Weg führte, dieser Weg ein Ziel haben könnte, ein solches Ziel sich vielleicht an den jeweiligen Enden dieses Wegs befinden könnte, dass es noch andere Wege geben könnte, was geschehen könnte, wenn sich diese Wege trafen, all das, ob ihm all das klar war – das abschließend zu sagen wäre zu früh. Und schon gar nicht konnte man sagen, was denn geschehen würde, wenn er auf andere traf, die auf diesem Weg gingen oder auf ähnlichen Wegen gingen, welche allerdings teilweise so aussahen, als könnten sie seinen Weg nach einer absehbaren Weile kreuzen. Wenn man nur weiterging.
Kredermerk war nicht mehr verwundert.
Er begann sich zu interessieren.
Für ihn stand die Synthese vor der Analyse und die Reaktion vor der Kritik. Irgendwann nämlich hatte Kredermerk reflexartig erkannt, dass Versuche, dem amorphen Wesen der maurabischen Gesellschaft eine Organisationsform zur Verständnishilfe zu unterlegen oder es auch nur in seinem Istzustand zu beschreiben ähnliche Wirkung hätten wie Schläge auf ein wütendes Tier. Seine Berichte waren mitnichten kritisch, auch folgten sie keiner bestimmten Richtung und schon gar nicht einer Eingabe, sie hatten aber nun einmal die Natur von Beschreibungen und so wurden mit jedem Bericht die Reaktionen einiger der Stützen der maurabischen Gesellschaft immer lauter.
Diese Stützen entstammten kulturellen, sozialen, religiösen Kreisen sowie aus Kreisen der Wirtschaft und nicht zuletzt selbst aus der Politik. Jedoch hatten deren Bezugssysteme nur geringe Auswirkungen auf Kredermerkens Beweggründe. Als Diener der Medien und in seiner Rolle als Beobachter wuchs der Einfluss auf diese Stützen zwar stetig – aber seine Sozialprognose war alles andere als günstig und so blieb dieser Einfluss auch bei wohlwollender Betrachtung nahezu wirkungslos.
So traf das Schicksal aller Moden auch Kredermerk mit voller Wucht: man zeigte sich gerne mit ihm – integrierte ihn aber nicht!
Eine solche Integration hätte seinem bis dato eher konturarmen Profil persönlichkeitswirksame Ausprägungen in irgendeiner erkennbaren Form abverlangt, Ausprägungen, die dank ihrer Struktur durchaus als Schnittstelle zum System der Gesellschaften hätten herhalten können. Solche Schnittstellen waren ansatzweise zwar durchaus vorhanden, konnten allerdings aus bereits angezeichneten Gründen keiner besonderen Eigenschaft Kredermerkens Persönlichkeit eindeutig zugeordnet werden, verkümmerten in der Folge zusehends und blieben schließlich dauerhaft ungenutzt.
Bei den hier beschriebenen Vorgängen allerdings bildeten kulturelle, soziale aber auch religiöse und wirtschaftliche Bezugssysteme nur die einfachsten aller Bindemittel. Für ein weiterführendes Verständnis um das Wesen dieser Vorgänge braucht es jedoch einen tieferen Blick in jenen Teil des Bodens, in den die Wurzeln des Maurafubi geschlagen waren.
