Einer nicht vollständig gebildeten, dafür aber umso einhelligeren öffentlichen Meinung zufolge waren die Plutokraten nach langem Zögern schließlich den Timokraten unterlegen. Nicht, dass der Unterschied zwischen beiden Gruppen besonders groß gewesen wäre, die Unterschiede unter den Verfechtern dieser Gruppen aber waren es. Diese hatten das Ansehen der Person zu einer Kunstform entwickelt, die sich parallel zur Entwicklung der herrschenden Gesellschaftsordnung nur von außerhalb eben dieser Ordnung praktizieren ließ, wiewo dies wiederum die Grenzen zwischen den Schichten innerhalb dieser Ordnung – trotz Auslobung von Preisen für besonders befähigte Protagonisten in dieser Kunst – keineswegs durchlässiger machte.
Einer der Höhepunkte dieser Kultur hatte sich in einem mehrklassigen Wahlrecht manifestiert. Dabei wurden die Stimmen der wahlberechtigten Bürger einer Schicht gemäß ihres Aufkommens an kunstbeflissenem Interesse an der jeweils installierten Gesellschaftsform gewichtet. Die Gründung einer – anfangs geheimen – Loge torpedierte derlei aufkeimende Bewegungen wiederum mit der Publikation von Schriften wie der „Kritik der rohen Vernunft“, ging damit zwar einerseits in die Geschichte ein, war aber ihrerseits im Wesentlichen lediglich das Surrogat ihrer eigenen sinnspendenden Ausgangslage – nämlich: Wachstum inmitten konkurrierender Gesellschaftsformen – und ging daher in der Folge mit im Vergleich harmlosen Intrigen, die ihrerseits zweifelsfrei eine der übelriechendsten Blüten dieser Periode darstellten, unter und schloss diese auch zeitgleich damit ab.
Zwar waren sich die Mitglieder dieser Loge darüber nicht klar gewesen, aber sie hatten ihren Zweck in der Geschichte durchaus erfüllt, da sich Angehörige ähnlicher Bewegungen ihrer Wirkungslosigkeit umso bewusster zu machen hatten und in der weiteren Folge fast ohne Spuren hinterlassen zu haben verschwanden.
Abgelöst wurde diese Schola durch spirituell-mystizistisch jedoch auch hauchdünn calvinistisch geprägte Stammkleriker, die in der vorangegangenen intellektuellen Einebnung den idealen Rahmen für ihr Streben nach Einheit der Seele mit dem Sinn des menschlichen Geistes sahen. Das bei diesen Bemühungen zwangsweise auftretende Konfliktpotential war ihnen dabei ein willkommener synergetischer Effekt, der, zunächst noch unbeabsichtigt, sich jedoch eingedenk seiner kraftspendenden Eigenschaften in der Folge sehr schnell – und vor allem bequem – zum eigentlichen Zweck der Bewegung
dogmatisieren ließ.
Eine der Begleiterscheinungen der Oszillation zwischen Seele und menschlichem Geist war aber auch ein gewisses Maß an Entropie, das solche Entwicklungen stets begleitet. Diese Entropie war immer dann anzutreffen, wenn die Oszillationsbewegung während eines Kampfes gegen die immer häufiger auftretenden Strukturen kristalliner Ordnung Zwischenräume unstrukturierter Freiheit zurückließ, die dann wiederum von den vereinten Entropieverbänden geschickt zum Nestbau genutzt werden konnten.
Das besondere Geschick bei dieser Art Nestbau bestand zunächst in dem Umstand, dass weder der Oszillationsbewegung der Stammkleriker noch den mittlerweile zu Partisanen mutierten Milizen der aus einer Parallelbewegung entstandenen vage strukturierten Universalfreiheit klar war, dass eben genau diese Entropienester das Einzige waren, was den Abstand zwischen beiden Bewegungen einigermaßen konstant hielt aber eben auch das Einzige war, was sie miteinander verband. Anders ausgedrückt hieß das ganz einfach, dass alle drei Beteiligten sich gegenseitig das Gleichgewicht nicht nur hielten, sondern vor allem auch gegenseitig garantierten.
So eine Garantie hat die besondere Eigenschaft, dass sie nicht davon abhängt ob irgendeine der beteiligten Parteien sie überhaupt will und ist daher zur Stabilität verdammt.
Eine weitere Besonderheit dieser Eigenschaft ist der Umstand, dass diese Stabilität mangels offensichtlicher Angriffsflächen auch nicht zu unterschätzende Auswirkungen hinsichtlich der Stabilität der ihrer Installation zu Grunde liegenden Umgebung, in diesem Falle der maurabischen Gesellschaft, hat.
Es lag also eine Pattsituation vor. Eine solche Pattsituation ist der Tod jeder Entwicklung. Jede Sinngebung oszilliert also oder wird befreit, wobei sie dann auch noch wählen kann ob mit Struktur oder ohne.
