Zwei Jahre nach dem Tode Thomas Manns und ein Jahr vor Ernennung Angelo Giuseppe Roncallis zum Papst entschied Kredermerk eines Tages, entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten, allem voran unabhängig von ihnen, mit der Straßenbahn zu fahren. Er tat dies nicht, um in Gesichter zu schauen, die er sonst nur durch mehrere Schichten Glas zu sehen bekommen hätte, schnell, Fäden ziehend, entstellt durch Regentropfen, Tränentropfen, das eine Glas sich bewegend, das andere nicht. Auch tat er es nicht aus Genusssucht, den Genuss etwa, Zeit für das Studium eines Gesichts zu haben, in ihm zu lesen. Erst starr, dann, ertappt, fließend, zufällige Begegnung, anderen Fokus suchend, dann wieder im Fadenkreuz, erstaunt erst, dann wieder starr.
In dieser Lage befiel ihn die Frage: Aus welcher Ausgangsgeschwindigkeit müsste ein Auto abbremsen, damit eine unter einer Häkelhaube liegende Klopapierrolle von der Hutablage eines Autos derart beschleunigt wird, dass sie die Kraft hat, ein menschliches Genick zu brechen?
Es war dies eine Frage, die grundsätzlich möglich ist. Aber ist sie auch qualitativ in Ordnung? Man sagt, die Qualität einer Frage hänge von folgenden Faktoren ab: sie soll wertneutral formuliert sein, nicht suggestiv sein, nichts unterstellen. Sie soll konkrete zeitliche Bezüge und konkrete Sachverhalte abfragen. Auch soll sie sich auf ein einzelnes, spezifisches Thema oder Ziel beschränken und für den Kontext bedeutsam sein. Vorteilhaft ist weiterhin ihre Beantwortbarkeit vor dem Hintergrund des durch Zeit, Ressourcen sowie der zur Anwendung kommenden Methoden gegebenen Rahmens und sie sollte auf verfügbare und ermittelbare Informationen abzielen. Kurz: Prägnant und unzweideutig soll sie sein, einfach formuliert vorliegen und nur einen Aspekt gleichzeitig behandeln.
Eine nicht unbedeutende Rolle spielt natürlich die Zielgruppe und damit auch die Frage nach Relevanz und Messbarkeit. Regt sie zum Nachdenken an?
Die Frage also, die den unfreiwilligen Straßenbahnfahrer befiel, ist weniger Aufgabe für den Ingenieur als vielmehr ein Gedankenspiel über die verborgenen Gewalten des Alltags. Es geht um die scharfe Kante, an der die Banalität (Toilettenpapierrolle) auf das Schicksal (Genickbruch) trifft.
Die physikalischen Gesetze, die diese makabre Fantasie begrenzen, sind unerbittlich und nüchtern. Sie entziehen der Szene die Dramatik:
- Die Leichtigkeit der Existenz:
Die Rolle, behütet unter ihrer Häkelhaube, bringt lediglich eine Masse von etwa 200 Gramm (0,2 kg) in die Gleichung ein. Das menschliche Genick hingegen ist konstruiert, um die Last des Kopfes und die üblichen Erschütterungen der Fahrt zu tragen. - Die Endlichkeit der Beschleunigung:
Die Wucht, mit der die Rolle zum Geschoss werden könnte, wird durch die maximale Bremsleistung des Wagens limitiert. Eine Vollbremsung ist physikalisch auf etwa 1 G begrenzt, bevor die Reifen versagen. Selbst in diesem gewaltsamen Moment würde die Rolle lediglich eine Kraft von zwei Newton (2 N) freisetzen.
Vorläufiges Fazit der Physik: Die Kraft, die notwendig ist, um die lebenswichtige Achse des menschlichen Körpers zu durchtrennen (geschätzte 2.000 bis 5.000 N), ist tausendfach größer als die Kraft, die selbst eine panische Vollbremsung der Rolle verleihen könnte. Der Reisende kann beruhigt sein: Die unscheinbaren Gegenstände des täglichen Lebens – das weiche Papier, die schützende Haube – sind nicht dazu bestimmt, zu Instrumenten des Schicksals zu werden, nicht einmal im Schockmoment des Stillstands. Das Auto müsste eine Geschwindigkeit erreichen, die weit jenseits jeder irdischen Begrenzung liegt – eine theoretische Überschall-Geschwindigkeit –, um die Rolle mit der notwendigen kinetischen Energie aufzuladen, selbst wenn der Bremsweg nur wenige Zentimeter betrüge. Die Rolle bleibt damit, wie die Gesichter in der Straßenbahn auch, lediglich ein stiller, beobachteter Gegenstand – zu leicht, um zu töten, zu weich, um zu verletzen. Sie bleibt in ihrer Rolle als Metapher für die Gefahr, die nie eintritt – die Epiphanie der Inertie.
Erleichtert und doch melancholisch stellte Kredermerk fest, dass die Materie selbst die Rolle der Banalität verteidigt – gegen das Pathos des plötzlichen, tödlichen Endes. Das Schicksal, das er in der imaginären Hutablage des Wagens heraufbeschworen hatte, zerfiel an der unbestechlichen Gleichgültigkeit des Gewichts. Die zarte Rolle, die ihm durch die Bremskraft zum Geschoss werden sollte, war zu gering, die kritische Masse zu überschreiten. Der Genickbruch erfordert einen Stoß von Tausenden Newton; die Rolle vermag nur zwei zu liefern. Das Drama der Geschwindigkeit, die er suchte, um die Welt zu einem Ort zu machen, an dem ein Papierturm zum Henker werden konnte, wurde von der banalen Konstante der Erdanziehung in der Vollbremsung zunichte gemacht.
Das Schicksal kann nicht durch die alltäglichste und weichste Materie vollstreckt werden. Der Tod bedarf der Härte, der Dichte oder der mutwilligen, unendlichen Geschwindigkeit; er lässt sich nicht aus dem zufälligen, leichtesten Gut der Häuslichkeit rekrutieren. Der Reisende, der sich soeben von der Sorge um ein Projektil aus Zellulose befreit sah, blickte nun in die Gesichter der anderen Passagiere. Die anfängliche Starre wich einer Fließbewegung als die Beobachteten sich ertappt fühlten. Doch diese Gesichter, ob starr oder fließend, trugen keine Spur der Angst vor der unsichtbaren kinetischen Energie. Sie lebten in der beruhigenden Sicherheit des Unwahrscheinlichen. Sie wussten intuitiv, dass die Gesetze der Physik eine schützende Schicht um ihre Banalität legen.
Die Hutablage ist kein Altar, und eine Klopapierrolle kein Schwert. Das Tragische muss von außen kommen; es kann nicht aus den eigenen, weichen Besitztümern der Heimkehr erwachsen. Die Welt ist durch die Trägheit des Alltäglichen geschützt.
Kredermerk, nunmehr über die Qualität der Frage nicht mehr im Zweifel, zog die Frage wieder zurück. Zwar genügte sie vielen gemeinen Ansprüchen – doch eine Qualität besaß sie nicht: sie brachte ihn nicht dazu, sich zu wundern.
