Wer die Geschichte des Maurafubi bis hierhin aufmerksam verfolgt hat wird bemerken, dass zwar einige der Bausteine des gesellschaftlichen Lebens als auch seiner Bewohner aufgezählt wurden, einer dabei aber fehlte: der Verstand.
Der Verstand ist der Mörtel, der alles zusammen hält. Zwar stand dieser in der maurabischen Gesellschaft bei den meisten ihrer Mitglieder im umgekehrten Verhältnis zu der sozialen Bruttoreichweite seiner Träger, jedoch spielte dieser Umstand keine weitere Rolle, da die Interpretation solcherlei Kenngrößen keinen nennenswerten Einfluss auf den Unterschied zwischen Tragen und Innehaben zu effektuieren schien. Ähnliches galt auch für das Tragen von Bedenken.
Bedenken waren, wie viele andere intellektuelle Parallelentwicklungen auch, zunächst als Mutation eines ursprünglich vernünftigen Gedankengangs von einer Generation an die nächste weitergegeben worden. Das spirituell-emotionale Umfeld war unter den vorliegenden Umständen nie besonders leistungsfähig gewesen, daher wurde der Fehler – denn um einen solchen handelte es sich – nicht sofort bemerkt. Im Gegenteil: es stellte sich heraus, dass gerade in Zeiten der Stabilität drohende Strukturveränderungen durch das Vortragen von Bedenken recht erfolgreich abgewendet werden konnten.
Diese Eigenschaft im Verbund mit der für die Träger dieser Bedenken nützlichen Nebenwirkung, nämlich dass man nicht selten an eine nur schwer angreifbare gesellschaftliche Position vorrücken konnte, sicherte nicht nur das Überleben in gewissen Kreisen, sondern ließ auch die Lobbyarbeit in den Vorzimmern des Maurafubi um einiges angenehmer gestalten, eine Entwicklung, die im weiteren Verlauf zur Einrichtung eines eigenen Standes für Bedenkenträger führte.
Dabei kam ihm eine Einschränkung menschlicher Leistungsfähigkeit zupass: der Umstand, dass von der Unzahl der auf ihn einhämmernden Signale nur eine bestimmte, der Menge nach kleinere Anzahl von ihnen tatsächlich auch bewusst verarbeitet werden konnte. Es war dies weniger eine Stärke als eine Schwäche, die er jedoch durch instinkthafte, geradezu reflexartige Reaktionen mehr als auszugleichen wusste.
Nun, ganz so instinkthaft waren diese Reflexe wieder nicht. Anders nämlich als der natürliche, angeborene, allen Menschen zur Verfügung stehende Reflex war dieser hier eher als Langzeitfolge kontinuierlich einwirkender Reize maurabischer Medien einzustufen, die mit ihrem unermüdlich vorgetragenen Variantenreichtum gelegentlich auftretende Fragestellungen bezüglich Varianten im kulturellen Profil der maurabischen Gesellschaft im Keim erstickten.
Dabei gingen in ihm jene Signale, die er nicht durch unmittelbare Verarbeitung würdigen konnte nicht etwa verloren, sondern er verarbeitete sie intuitiv, als „implizites Wissen“ sozusagen. Da es ihm ja auch sonst in jeder Hinsicht an Eigenheiten mangelte, die ihn als in gesellschaftlicher Hinsicht autarke Wesenheit hätten auffallen lassen, die ihn zunächst unbeobachtet in ihre Strukturen integriert hätte, da er also an derlei Dingen Mangel litt, schützte ihn gerade dieses implizite, im Einzelnen nicht vollständig verarbeitete Wissen insbesondere und damit gar nicht zuletzt auch davor, leichte Beute kurzlebiger Moden zu werden.
So war er beispielsweise nicht in der Lage, etwa in einem Gespräch einen Satz oder einen Gedanken, den er gerade nur Sekunden zuvor geäußert hatte zu wiederholen. Umgekehrt aber bereitete es ihm keinerlei Mühe, seinen Gesprächspartner jederzeit wieder in eine ähnliche Lage zu bringen. Der Verantwortungsübergang, der in aller Regel mit solchen Prozessen einhergeht, ging dabei in der Routine des Umgangs der Mitglieder der maurabischen Gesellschaft untereinander unbemerkt unter.
