
Wenn Kredermerk einen beliebigen Tag seines Lebens als zufällig herausgegriffenes Beispiel für den Zustand des Weltalls ansah, begriff er, dass dieser Zustand bloß eine der möglichen Wirkungen irgendeines vorangegangenen Zustands war – aber was war daraus die Folge? Für welchen nachfolgenden Zustand war sein jetziger Zustand die Ursache?
Dem Weltall war das alles scheißegal, aber in Kredermerk reifte die Erkenntnis: Der leere Fleck, offenes Einfallstor für Zufälle und unvorhersehbare Entwicklungen war kein bloßer Verlust. Es war der unbesetzte Raum selbst, der nicht zur Lücke wurde – er wurde zum Sog, zu einem Vakuum, in das die Fantasie mit jener Unmittelbarkeit stieß, mit der sie nur auf das Fehlen gewartet hatte? Ein Terrain, in dem Illusionen keimen konnten: zum Beispiel die Illusion, zu einer Wesenheit heranzuwachsen, die erst durch ihr Fehlen die Fantasie in anderen Wesenheiten weckt, der Leere ihres Daseins zu begegnen?
Auf der Suche nach Antworten stieß er auf folgendes Dokument:
KURT GANS: PROTOKOLL EINER LAUFBAHN
AKTENZEICHEN: KG-421.008.B/verschwunden
Vermerk:
Die nachfolgende Darstellung stützt sich auf Fragmente aus Personalbögen, Kontrollberichten und informellen Quellen. Ein Abgleich mit zentralen Datenbanken war nicht möglich, da der Zugang zu den entsprechenden Systemen für diesen Fall »nicht vorgesehen« ist.
1979:
Kurt Gans wird, ohne je einen Antrag gestellt zu haben, im »Büro für Grundzuständigkeiten« eingestellt. Sein erster Auftrag: das Kleben von anonymisierten Etiketten auf bereits geschwärzte Dokumente. Als er nach dem Zweck fragt, erhält er eine förmliche Abmahnung mit dem Betreff »Informationsbegehr ohne Autorisierung«.
1983:
Er wird in den Verwahrdienst VII/4 versetzt – ein Gebäudetrakt unterhalb des ehemaligen Ministeriums für Papiernormierung. Dort verwaltet er etwas, das »Personaleinheitliche Raumkontinuität« genannt wird, ohne zu wissen, worum es sich handelt. Die Raumtemperatur ist konstant 16,6 Grad. Kein Fenster lässt sich öffnen.
1987:
Ein Kollege namens Pfeiffer verschwindet spurlos. Gans erhält dessen Schreibtisch und eine halbleere Thermoskanne. Auf dem Boden liegt eine Büroklammer, die fortan täglich ihre Position verändert. Gans dokumentiert das penibel, schickt Berichte – erhält aber nie eine Antwort. Seine Kollegen sagen: »Sie sind der Einzige, der hier noch schreibt.«
1991:
Gans wird befördert. Ein anonymer Umschlag enthält eine neue Zutrittskarte mit rotem Streifen. Plötzlich hat er Zugang zu Räumen, die keinen Namen tragen. In einem von ihnen steht ein Metallschrank, auf dem handschriftlich »Biometrische Akustik« steht. Darin: Kisten mit Geräten, die bei Aktivierung nicht hörbar, aber »komisch vibrierend« wirken. Einer davon trägt den Stempel »Subsonator A5 – Versuch 3«.
1994:
Ein Mann in einem grauen Mantel besucht ihn, spricht in Chiffren, nennt Gans einen »neutralen Träger« und überreicht ihm ein weiteres Gerät – angeblich zur »interne Resonanzüberprüfung in akustisch feindlichen Umgebungen«. Gans fragt nicht.
1997–2008:
Der Verbleib von Kurt Gans ist unklar. Es existieren Gehaltsabrechnungen, doch niemand sieht ihn. Die Kantine führt weiter ein Tablett auf seinen Namen, das jeden Tag abgeholt, aber nie zurückgebracht wird.
2009:
Eine Person mit seinem Namen wird in einem Kellerbüro der ehemaligen Funkaufklärungseinheit in Hohenlychen registriert. Sie stellt täglich zwei Anträge: einen auf Verlängerung der Zuständigkeit, einen auf Selbstentpflichtung. Beide werden aus formalen Gründen abgelehnt. Begründung: »Zuständig durch Beharrung«.
2015:
Eine interne Revision entdeckt, dass die Person »Kurt Gans« nie vollständig erfasst wurde. Die Personalnummer ist fehlerhaft, das Geburtsdatum doppelt vergeben. Man versucht, ihn zu entlassen, doch es fehlt der Nachweis über seine Einstellung.
2023:
Ein gewisser Wolfram Einfall erwähnt in einem Nebensatz: »Es gibt da einen Mann in einem Kellerarchiv, der jeden Tag einen Subsonator testet. Er sagt, er wartet auf das richtige Geräusch«.
Anhang:
Letzte bekannte Aussage von Gans (vermutlich Selbstgespräch):
»Ich verstehe nicht alles. Aber ich bin zuständig. Und wenn ich zuständig bin, dann darf ich auch nicht weg.«

Während Kredermerk dies las, verlor sein Gesicht jede Spur von Melancholie.
Es wurde stiller – nicht beruhigt, sondern entleert.
Seine Augen hielten nicht mehr an den Dingen fest; sie schienen durch sie hindurchzugehen, als hätten sie begonnen, das Sichtbare nur noch als Durchgang zu begreifen.
Der Mund war nicht mehr Ausdruck, sondern Rest – leicht geöffnet, als hätte ein Gedanke ihn verlassen, ohne ausgesprochen worden zu sein.
Was blieb, war keine Trauer.
Es war die erste Spur von etwas anderem: die Erkenntnis, dass Leere nicht fehlt – sondern zieht.
War es das, was er sich von „Verwunderung“ erhofft hatte?

