
EINE GNADENLOSE Hitze lag über dem Land. Das große Wasserloch war zu einer kleinen, schlammigen Pfütze geschrumpft. Es war nicht mehr genug für alle da. Der Löwe stellte sich mit tiefer Stimme vor die Pfütze: „Hört zu! Als König lege ich fest: Jedes Tier darf pro Tag nur drei Schlucke trinken. Wer mehr nimmt, wird aus dem Reich verbannt. Nur so reicht das Wasser für die nächsten drei Tage.“
Das Gesetz schuf Ordnung und verhinderte das Chaos, aber es war starr – es machte keinen Unterschied zwischen einem Elefanten und einer Ameise.
Die Maus sah eine alte Gazelle, die vor Durst zitterte und ihre drei Schlucke schon getrunken hatte. Die Maus schlich zu ihr und schob ihr ihre eigene Portion hin. „Hier, nimm meine Schlucke“, flüsterte sie. „Mein Herz erträgt es nicht, dich so leiden zu sehen.“ Die Moral handelte aus dem Impuls des Mitgefühls, auch wenn es die Maus selbst in Gefahr brachte.
Der Fisch, der im restlichen Schlamm kaum noch atmen konnte, beobachtete das Geschehen kritisch.
„Löwe“, rief er, „dein Gesetz ist zwar gleich, aber nicht gerecht! Drei Schlucke retten die Maus, aber die Gazelle stirbt trotzdem. Wir müssen die Verteilung nach der Körpergröße berechnen, um das Überleben der größtmöglichen Zahl an Lebewesen zu sichern. Das wäre vernünftig.“
Der Falke kreiste über ihnen und sah, dass am Horizont bereits die ersten Regenwolken aufstiegen, aber er sah auch, dass die Tiere vor lauter Streit um die Pfütze den Pfad zum großen Fluss im Norden völlig zertrampelten.
„Hört auf zu streiten!“, rief er herab. „Wenn ihr jetzt aus Gier oder blindem Mitleid den Boden um diese Pfütze so festtrampelt, kann der Regen morgen nicht versickern. Dann wird dieses Wasserloch für immer sterben. Denkt nicht nur an euren Durst von heute, sondern an die Quelle für nächstes Jahr!“
Die Verantwortung mahnte, das System als Ganzes zu schützen, selbst wenn das bedeutete, kurzfristige Opfer zu bringen.

