Erkenntnisse

Wo früher Wasser gewesen war, lag jetzt eine flache Mulde – eine dunkle, zähe Pfütze, mehr Erinnerung als Substanz.

   Um sie herum standen sie: ein Löwe, eine Maus, ein Fisch im Restschlamm, ein Vogel im Kreisflug, ein Elefant etwas abseits, schwer, ruhig.

   „So geht es nicht weiter“, sagte eine Stimme.
„Jeder nimmt gleich viel. Drei Schlucke.“ Einige nickten. Gleichheit hatte etwas Tröstliches.

   „Gleich ist nicht gerecht.“ Die Antwort kam langsamer.
   „Drei Schlucke retten den einen. Den anderen nicht. Wenn ihr schon verteilt, dann so, dass möglichst viele bleiben.“

   Ein paar sahen zur Mulde, als könnten sie darin Zahlen erkennen. Eine kleine Bewegung am Rand. Die Maus schob etwas hinüber. „Nimm meine.“
Leise. Fast entschuldigend.

   „Ich halte das nicht aus.“ Niemand widersprach. Es war schwer, gegen etwas zu argumentieren, das nicht überzeugen wollte. Der Löwe hob den Kopf. „Irgendjemand muss festlegen, was gilt“, sagte er. „Sonst endet das hier im Kampf.“

   Seine Stimme war ruhig. Aber unter ihr lag Gewicht. Der Fisch bewegte sich im Schlamm.  „Und wer legt fest, ob das, was gilt, auch sinnvoll ist?“   

Der Vogel zog einen engeren Kreis. „Ihr tretet den Boden kaputt“, rief er. „Seht ihr das nicht? Wenn der Regen kommt, bleibt nichts mehr.“

Einige blickten nach unten. Ihre Spuren überlappten sich.

   Der Elefant stand noch immer am Rand. Er hatte lange nichts gesagt. Dann, ohne sich zu bewegen: „Das war schon einmal so.“ Niemand reagierte sofort.

   „Wann?“ fragte jemand.
„Als andere hier standen.“

   Der Wind ging kurz.

„Und?“

   Der Elefant hob langsam den Kopf. „Sie haben geteilt.“
„Sie haben gerechnet.“
   „Sie haben geholfen.“
   „Sie haben gehofft.“

   Eine Pause.

   „Am Ende haben sie den Schlamm getrunken.“

   Es wurde still. Nicht leer. Nur vorsichtig.

   Die Maus zog ihre Pfoten zurück.
   Zögernd.
   Der Löwe sagte nichts mehr. Seine Regel stand noch im Raum, aber sie wirkte anders.
   Der Fisch bewegte sich langsamer. Als wäre die Rechnung nicht mehr eindeutig.
   Der Vogel flog tiefer. Nicht mehr nur über den Horizont hinweg.

   „Also was tun wir?“ fragte jemand.

   Keine Antwort.

   Nur das leise Geräusch von Schritten im Staub. Die Mulde lag da.
   Dunkel.
   Unverändert.
   Und doch anders.

   Der Elefant drehte sich langsam um. Nicht, weil es entschieden war.
   Sondern weil es nie eindeutig gewesen war.

   Am Boden zeichneten sich feine Linien ab.
   Wie alte Wasserstände.
   Oder wie Spuren von Gedanken, die schon einmal hier gewesen waren.

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